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Himmelssturz

Episode 1

Wind fegte ihm durchs schwarze Haar. Viktor fiel und nichts konnte ihn vor dem tödlichen Aufprall bewahren. Dennoch lag ein Lächeln auf seinen Lippen.
Diese letzten Sekunden fühlten sich nicht wie vermutet an. Gefürchtet hatte er sich vor den Vorwürfen und Zweifeln, … dem Bereuen … und dem letzten Schmerz. Doch was Viktor nun spürte, war weder Furcht noch Angst, sondern Erleichterung; eine wohltuende Befreiung von allen Dingen. Ängste und Sorgen waren verflogen, die Probleme dieser Welt verpufften im Nichts. Er hatte es nicht für möglich gehalten, doch in diesem Moment war er einfach nur glücklich. Und Viktor genoss dieses Glück und freute sich auf sein Ende. Es war gar mehr als nur Freude, er gierte förmlich danach. Der gequälte Teil seiner Seele griff bereits sehnlichst nach dem weissen Licht, das endlich Erlösung versprach. Obwohl befremden, störte ihn dieses Gefühl nicht. In einem Augenblick würde es vorüber sein, was sollte er sich jetzt noch um solche Dinge scheren – endlose Ruhe und Stille warteten.
Viktor öffnete die Augen; sah wie die Stockwerke an ihm vorbeirasten und der Grund immer näher kam. Das letzte Mal in seinem Leben erblickte er die Ruinen jener Stadt, die er einst so geliebt hatte. Nie vergessen würde er ihre hohen Türme und prächtigen Bauten, die grünen Bäume, die bunten Blumen, ihr frischer Duft am Morgen und die kühle Brise am Abend; und ganz bestimmt nicht die vielen unterschiedlichen Menschen welche diese Stadt erst vollkommen gemacht hatten. Doch dann stieg die erste Bombe in den Himmel und als schliesslich die letzte niederging, war seine Liebe zu einem schwarzen, modrigen Klumpen zerfallen. Sein Hass auf dieses hässliche Ding, war nicht mit Worten zu beschreiben. Hätte er bloss noch die Kraft gehabt, jeder andere Ort wäre ihm lieber gewesen. Doch nun wurde dieses Ding, an das er seine Liebe verschwendet hatte, zu seinem Grab – ein letzter, grausamer Scherz.
Trotz dem Übel in dieser Welt, gab es noch immer Menschen mit Hoffnung. Mit genügend Hoffnung um andere von ihrem Tun abbringen zu wollen. Ironischerweise war er einer dieser Menschen gewesen. Doch selbst jemand wie er, der so viel Optimismus besessen hatte, verlor irgendwann den Sinn in seinem Tun, wenn alle anderen dennoch starben. Am Ende war er ganz alleine gewesen, vielleicht nicht auf diesem Planeten – möglicherweise nicht einmal in dieser Stadt. Aber er wusste wie alles in naher Zeit enden würde und obwohl ihm sein Vorhaben widerstrebte, nahm er sich das Recht nicht der Letzte zu sein, der diese Welt verliess. Denn wie würde man mit dem Wissen sterben können, dass mit dem eigenen Tod eine ganze Welt endete? Er hätte es nicht gekonnt. Möglich, dass er auch schlicht zu feige war. Sein einziger Wunsch war ein schneller und schmerzloser Tod. Denn so viele andere hatte er gesehen: mit einer Schlinge um den Hals, einem Messer im Herzen, einer Kugel im Kopf und Tabletten im Magen. Aber nur einigen von ihnen gelang ein rascher Tod, die meisten starben erst nach qualvollem Leiden und die wenig Glücklosen überlebten. Er wollte nicht so enden; weder elendig in den Ruinen krepieren, noch erneut mit dem Wissen erwachen, dass er dieses Martyrium nochmals durchleiden musste. Der Sprung ins Nichts erschien ihm als einzig richtig. Nur die Überwindung zu diesem Schritt hatte er aufbringen müssen. Nun gab es kein zurück mehr, selbst wenn er es wollte. In wenigen Sekunden würde alles vorbei sein und er, nichts weiter als eine weitere, bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche, welche die leeren Wege dieses riesigen Friedhofs schmückt.
Sein Ende war nahe und als letztes fiel sein Blick nach oben. Er sah blauen Himmel. Die giftigen Wolken waren verschwunden und an ihrer Stelle zierten weisse Schleier das Firmament. Irgendwo kreiste gar ein Vogel. Viktor dachte an all die vielen Menschen in seinem Leben: jenen denen seine Liebe gehörte, seine Freundschaft und sein Hass. Sie alle waren Teil seines Lebens gewesen, hatten ihm gute und schlechte Erinnerungen geschenkt. Er war dankbar für jede Einzelne, denn trotz dem Übel hatte Viktor dieses Leben geliebt. Tränen lagen in seinen Augen und wie zum Trost streichelte sanft ein warmer Sonnenstrahl über seine geschundene Haut – er lächelte.

Von der Stadt war nichts geblieben ausser einem letzten Turm. Hoch ragte sein Gerippe, wie ein Mahnmal in den Himmel empor. Ein Schatten fiel und stürzte Stockwerk für Stockwerk entlang des faulenden Kolosses auf den Grund hinab. Schnell und immer schneller, und mit dumpfem Knall schlug der Körper ein. Knochen brachen, die Haut platzte; Fleisch und Blut wurden regelrecht aus dem Leib gepresst und gingen zusammen mit Dreck und Staub, in einem hässlich, roten Regen nieder.

Viktor’s letzter Gedanke: Lebwohl …

Kommentare

Ruth Schaub

Bin gespannt auf weitere Episoden...keep me posted please!

L. Urech

Ich wusste schon immer, dass du die poetische Ader deines Grossvaters geerbt hast. Mach einfach weiter so, hör bitte nie auf - du bist super.